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Praxis für Psychotherapie am Pottkamp Pottkamp 23 · 48149 Münster

Neurodivergenz verstehen

Neurodivergenz verstehen

Unsere Haltung: Die Diagnose als Beginn eines Verstehens

Eine Diagnostik ist für uns nicht die Suche nach einem Defekt, sondern der Versuch, gemeinsam mit Ihnen zu verstehen, wie Sie wahrnehmen, denken und fühlen — und was es Sie täglich kostet, in einer Welt zurechtzukommen, die darauf wenig Rücksicht nimmt.

Viele Erwachsene kommen zu uns, nachdem sie über Jahre das Gefühl hatten, „irgendwie anders" zu sein, ohne dafür eine Sprache zu haben. Nicht selten wurden zuvor Depressionen, Ängste oder Erschöpfungszustände behandelt, während das Eigentliche unerkannt blieb: eine besondere Art, Reize, Beziehungen und die eigene Innenwelt zu erleben. Menschen im Autismus-Spektrum und mit ADHS erleben dieselben Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte wie alle anderen — sie leiden häufig daran, dass die Umwelt für sie wenig Sinn ergibt, überfordernd laut oder unvorhersehbar ist. Rückzug, Reizabschirmung oder ständige Anspannung sind dann keine Marotten, sondern verstehbare Antworten auf Angst und Überflutung.

Autismus und ADHS sind aus unserer Sicht zuallererst Weisen, in der Welt zu sein — ein Spektrum von Erlebensweisen mit eigenen Stärken und mit realen Belastungen, die wir ernst nehmen. Behandelt wird, wo gewünscht, die Belastung — nicht die Weise. Eine sorgfältige Diagnose kann dabei sehr entlasten: Sie ordnet die eigene Lebensgeschichte neu, ersetzt jahrelange Selbstvorwürfe durch Verständnis und macht nachvollziehbar, warum manches im Leben so viel Kraft gekostet hat. Sie ist kein Etikett, sondern ein Schlüssel.

Daraus ergibt sich auch unsere Behandlungshaltung: Wo Unterstützung gewünscht wird, arbeiten wir in einem verlässlichen, kontinuierlichen und vorhersagbaren Rahmen daran, das innere Erleben kennenzulernen und die dahinterliegenden Ängste zu verstehen — statt lediglich Verhalten zu trainieren. Die Erfahrung zeigt: Wer sich sicherer und besser verstanden fühlt, kann sich mehr öffnen, sich klarer ausdrücken und die eigenen Stärken freier nutzen. Damit stehen wir in der Tradition der internationalen psychoanalytischen Arbeit mit autistischen Erlebensweisen — begründet von Frances Tustin, für die heutige Praxis weitergeführt von Anne Alvarez und Thomas Ogden, für das Erwachsenenalter fortgeschrieben u. a. von Robin Holloway und Joshua Durban —, deren Ziel nie die Veränderung der Person ist, sondern ihre Entfaltung — auf die eigene Weise. Für die ADHS folgen wir der psychodynamischen Linie von Marianne Leuzinger-Bohleber und Michael Günter bis zu Stephen B. Bernstein und Francine Conway: Sie versteht Unruhe und Ablenkbarkeit nicht als Unwillen, sondern als Ausdruck eines überlasteten inneren Apparats, dem die Behandlung Raum zum Denken geben will.

Die Diagnose ist bei uns deshalb kein Endpunkt, sondern ein Anfang: der Beginn eines besseren Verständnisses Ihrer selbst, und — wenn Sie es wünschen — einer Behandlung, die dieses Verständnis vertieft.

Was eine Untersuchung beantworten kann — und wo ihre Grenzen liegen

Eine testpsychologische Untersuchung beantwortet nicht nur die Frage „ADHS oder Autismus — ja oder nein". Sie macht Zusammenhänge sichtbar, die im Alltag oft als getrennte Probleme erscheinen und es nicht sind. Fünf Beispiele:

Reize. Über- und Unterempfindlichkeit schließen einander nicht aus; sie treten häufig beim selben Menschen auf, nur in verschiedenen Sinnesbereichen oder zu verschiedenen Zeiten. Wer das von sich weiß, versteht, warum „mehr Ruhe" allein manchmal nicht hilft — und warum ein stiller Raum und das Bedürfnis nach Bewegung kein Widerspruch sind.

Gefühle. Viele neurodivergente Erwachsene bemerken innere Zustände erst spät — Anspannung, Hunger, Erschöpfung. Eine Untersuchung kann zeigen, ob die Schwierigkeit eher beim Wahrnehmen oder eher beim Benennen von Gefühlen liegt. Das ist keine akademische Unterscheidung: Sie entscheidet mit darüber, wo eine Behandlung ansetzen kann.

Körper. Körperliche Beschwerden ohne klaren Befund — Erschöpfung, Schmerzen, Magen-Darm, Schlaf — hängen bei neurodivergenten Menschen oft damit zusammen, wie der Körper wahrgenommen wird: zu spät, zu undeutlich oder erst, wenn es nicht mehr anders geht. Die Untersuchung kann das Zusammenspiel aus Körperwahrnehmung, Gefühlserkennen und Beschwerdelast sichtbar machen — und damit einordnen helfen, wie viel davon ärztlich abgeklärt gehört und wie viel mit der eigenen Wahrnehmung zu tun hat. Eine körperliche Abklärung ersetzt sie nicht.

Anpassung und ihr Preis. Jahrelanges Überspielen der eigenen Eigenart lässt sich inzwischen erfragen. Der Befund ordnet ein, wie viel Kraft diese Anpassung kostet — und warum sie den erhofften Anschluss oft nicht bringt.

Verwechslungen. Autistische Merkmale, Traumafolgen und Persönlichkeitsstörungen sehen sich in vielen Einzelpunkten ähnlich; Fehldiagnosen in beide Richtungen sind häufig. Deshalb verlässt sich die Untersuchung nie auf einen einzelnen Fragebogen, sondern auf das Muster mehrerer, verschieden gewonnener Hinweise.

Wo die Grenzen liegen: Ein Wert allein ist keine Diagnose, und eine Diagnose ist kein Behandlungsversprechen. Die Untersuchung ordnet ein; was daraus folgt, entscheiden Sie — gemeinsam mit der Person, die Sie behandelt. Wie die Untersuchung abläuft und was sie kostet, steht auf der Seite ADHS- und Autismus-Diagnostik.

Medikamente: was wir wissen — und was wir nicht wissen

Bei ADHS wird häufig medikamentös behandelt, und viele Menschen erleben, dass es ihnen damit deutlich besser geht. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist allerdings dünner, als die Selbstverständlichkeit der Verordnung vermuten lässt. Die Cochrane Collaboration — das strengste unabhängige Auswertungsverfahren, das die Medizin kennt — hat die Studien zu retardiertem Methylphenidat bei Erwachsenen zusammengefasst: 24 Studien mit gut 5.000 Teilnehmenden. Die Symptomwerte bessern sich. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Ergebnisse stuft Cochrane für alle Endpunkte als „sehr niedrig" ein. Die Gründe sind methodisch: Die Hälfte der Studien dauert acht Wochen oder weniger, die Verblindung ist durch die spürbare Wirkung faktisch aufgehoben, gemessen wird über Fragebögen, und an neun von zehn ausgewerteten Teilnehmenden war die Industrie finanziell beteiligt. Hinzu kommt ein Punkt, der gerade für unsere Patientinnen und Patienten zählt: 19 von 21 Studien schlossen Menschen mit weiteren psychischen Erkrankungen aus, und ebenso viele nahmen bevorzugt Personen auf, die auf Stimulanzien schon einmal gut angesprochen hatten. Untersucht wurde damit überwiegend nicht die Situation, in der sich die Frage im Alltag stellt — Erwachsene mit langjähriger Depression, Angst oder Erschöpfung kamen in diesen Studien in aller Regel nicht vor.

Daraus folgt aus unserer Sicht nicht, dass Medikamente nicht wirken. Es folgt: Wir wissen weniger sicher, als wir gerne wüssten — besonders über längere Zeiträume. Das ist kein Argument gegen die Behandlung, sondern eines für eine sorgfältige Indikationsstellung im Einzelfall.

Und die schließt Medikamente ausdrücklich ein. Der klinische Nutzen ist erfahrungsgemäß erheblich; bei manchen Menschen ist er die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas anderes möglich wird. Für die psychotherapeutische, insbesondere die psychoanalytische Arbeit gilt im Übrigen dasselbe in umgekehrter Richtung: Ihr Nutzen ist klinisch gut belegt und in kurzen randomisierten Studien schwerer abzubilden, als es der Sache angemessen wäre. Wer die Unsicherheit der Evidenz gegen das eine ins Feld führt, muss sie beim anderen mitdenken. Wir tun beides.

Praktisch heißt das: Die Frage nach Medikamenten ist bei uns keine Glaubensfrage, sondern eine Abwägung — was ist das Ziel, was die Alternative, was der Preis, und was zeigt der Verlauf. Wir messen diesen Verlauf mit validierten Instrumenten, statt uns auf den Eindruck zu verlassen. Und wenn etwas nicht wirkt, sagen wir das.

Bitte ändern oder beenden Sie eine laufende medikamentöse Behandlung nicht aufgrund dieses Textes. Sprechen Sie darüber mit der Ärztin oder dem Arzt, die sie verordnet haben.

Quellen: Cochrane-Übersichtsarbeiten CD012857 (retardiertes Methylphenidat bei Erwachsenen) und CD009885 (Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen), abrufbar über die Cochrane Library.

Paartherapie bei Neurodivergenz

Neurodivergenz — also ADHS oder Autismus — prägt nicht nur das eigene Erleben, sondern auch Partnerschaften, oft ohne dass beide Partner wissen, was eigentlich geschieht. Viele neurodivergente Menschen betreiben über Jahre sogenanntes Masking: Sie überspielen und kompensieren ihre Eigenheiten mit erlernten Strategien, wirken nach außen angepasst und funktionieren — um einen hohen Preis. Denn Masking kostet fortlaufend Energie. Zu Hause, wo die Maske fallen darf, zeigen sich dann Erschöpfung, Reizbarkeit oder das Bedürfnis nach Rückzug und Stille.

Kommt über lange Zeit mehr Belastung zusammen, als sich erholen lässt, kann ein autistisches Erschöpfungssyndrom (autistic burnout) entstehen: eine tiefe, anhaltende Erschöpfung mit erhöhter Reizempfindlichkeit, bei der selbst vertraute Alltagsfähigkeiten vorübergehend verloren gehen können. Hinzu kommen häufig People Pleasing — das automatische Erfüllen der (vermuteten) Erwartungen anderer — und Schwierigkeiten, die eigenen Grenzen rechtzeitig zu spüren und zu benennen. Überlastung wird dann oft erst bemerkt, wenn sie schon da ist: als plötzlicher Rückzug, Absage oder „Shutdown".

Für Partnerinnen und Partner sieht das leicht nach etwas anderem aus — nach Desinteresse, Ablehnung oder Feindseligkeit. Genau das ist das Missverständnis, an dem viele Beziehungen leiden: Diese Phänomene haben nichts mit Unwillen, fehlender Liebe oder verdecktem Konflikt zu tun. Sie sind Ausdruck eines erschöpften Energie- und Reizhaushalts. Und Missverständnisse entstehen dabei in beide Richtungen — beide Partner nehmen die Welt unterschiedlich wahr und deuten einander fehl, ohne dass jemand „schuld" wäre.

In der Paartherapie bei Neurodivergenz geht es deshalb zunächst darum, dass beide verstehen, wie der neurodivergente Partner wahrnimmt, kommuniziert und sich erholt — und umgekehrt. Auf dieser Grundlage lassen sich Rückzug und Nähe, Kommunikation und Erholungsräume so verhandeln, dass beide vorkommen. Paartherapie ist keine Leistung der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung; dieses Angebot richtet sich daher an Selbstzahler. Die Kosten pro Gespräch entsprechen denen einer Akuttherapie mit Befund (ca. 165 €). Termine über Doctolib oder per E-Mail.

Eine Praxis im wissenschaftlichen Diskurs

Wir arbeiten nach dem aktuellen Forschungsstand — und halten fest, wann wir ihn zuletzt geprüft haben. Was auf diesen Seiten steht, ist der Stand vom August 2026. Wo die Studienlage eindeutig ist, sagen wir das; wo sie es nicht ist, ebenfalls. Ändert sie sich, ändern wir unsere Position und schreiben es an diese Stelle. Denselben Maßstab legen wir an die eigene Arbeit an: Wir messen den Behandlungsverlauf mit validierten Instrumenten, statt uns auf den Eindruck zu verlassen, und wir beteiligen uns mit eigenen Beiträgen an der fachlichen Diskussion.